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[24.03.2003]
Grundschullehrplan mit neuem Konzept – Die bayerische Antwort auf PISA
Realisierung der neuen Didaktik ist Thema auf der Bildungsmesse in Nürnberg
In Bayern wird derzeit an der Realisierung des neuen Grundschullehrplans gearbeitet. Mit ihm soll gleichzeitig eine grundlegende Reform des Lernens einher gehen. In Anknüpfung an PISA sollen Schulen ein eigenes Profil gewinnen, Lehrer mehr Freiräume erhalten und Schüler stärker nach Fähigkeiten und Neigungen gefördert werden.

Das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus hat auf rund 300 Seiten die neuen Leitlinien des reformierten Lehrplans für die Grundschule erarbeitet und ihn im Juli 2000 der Öffentlichkeit vorgestellt. Nun soll er realisiert werden. Kernpunkt der Reform ist ein neues pädagogisches Konzept. So heißt es im Vorwort: "Die natürliche Lernfreude, Neugier und spontane Leistungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler sollen erhalten bleiben und individuelle Lernstrategien als Basis für lebenslanges Lernen erworben werden."

Experimentieren und ausprobieren
Traditionell wurde der Lernstoff im Lehrplan sehr detailliert vorgegeben, Freiräume waren beschränkt. Die Stoffvermittlung im Stil des "Frontalunterrichts" stand im Mittelpunkt. Unberücksichtigt blieb die Tatsache, dass jeder Schüler auf unterschiedliche Art und Weise lernt: Herangehensweise, Lernwege, Vorwissen, Lerngeschwindigkeit und Begabungen können sehr unterschiedlich sein.

Mit dem neuen Konzept soll Lernen greifbarer und spannender werden. Gab es bislang, zum Beispiel im Mathematikunterricht, für eine Rechenaufgabe nur einen korrekten Lösungsweg, sollen Grundschüler in Zukunft die Möglichkeit haben, auch selbstständig und kreativ verschiedene Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Zentrales Ziel ist das Mathematisieren von Sachsituationen aus der kindlichen Lebens- und Erfahrungswelt. Dabei erhalten neue Formen des Unterrichts mehr Gewicht, z.B. die Partner- oder Gruppenarbeit und offene Unterrichtsformen, wie Lernzirkel, Lernspiele, Lernwerkstatt oder der Computereinsatz. Diese Freiräume ermöglichen dem Schüler nicht nur ein aktives Entdecken und problemlösendes Lernen. Auch der Lehrer kann leichter Neues ausprobieren, wenn Lernziele vorgeschrieben, Lernwege aber offen sind.

Darin sieht der Lehrplan auch die Chance für eine Gesellschaft, in der Wissen bei geringerer Halbwertzeit immer komplexer wird. "Lernen lernen" heißt ist die Formel, mit der Schüler schon in frühen Jahren die Fähigkeit entwickeln sollen, sich selbstständig und lebenslang immer wieder Neues aneignen zu können. Dabei handelt es sich nicht nur um Fachwissen, sondern auch um die notwendige Methodenkompetenz.

Fächerübergreifende Querverbindungen
Schüler sollen befähigt werden, Lerngegenstände aus mehreren Perspektiven zu betrachten und Zusammenhänge zu erkennen, die im Laufe des Lernprozesses zu einem einheitlichen Bild werden. Im Heimat- und Sachunterricht beispielsweise gibt der bayerische Lehrplan exemplarische Einzelinhalte vor, die breit angelegt sind und einen großen Spielraum lassen. Ausgewählte "Themenbereiche aus der Lebenswirklichkeit der Kinder", etwa zum "Erkunden der Umwelt", machen den Stoff greifbarer.

Der Interessensbereich der Kinder wird berücksichtigt. Über verschiedene Lernfelder werden diese Themen dann systematisch erforscht, etwa über die Bezüge "Zeit und Geschichte", "Natur und Technik" oder "Tiere und Pflanzen". Charakteristisch für den Lehrplan sind die häufigen Querverbindungen zu anderen Lernbereichen. Fließende Grenzen sollen das vernetzte und mehrperspektivische Denken fördern.

Neue Anforderungen an Schulbücher
Mit der Freigabe der Lernwege und des Lerntempos verändern sich auch die Ansprüche an die Schulbücher. So hat beispielsweise der Klett Verlag ein Unterrichtswerk für den Mathematikunterricht entwickelt, das Schüler und Lehrer bei einem aktiv-entdeckenden Lernen unterstützt. Das Besondere: das "Zahlenbuch" macht eine individuelle Förderung möglich und garantiert dennoch ein sozial geteiltes Wissen am Ende des Lernprozesses. Das ist vor allem für Lehrer wichtig, die die Chancen des offenen Lehrplanmodells nutzen möchten und gleichzeitig die Sicherheit brauchen, dass ihre Schüler die Lernziele erreichen. 1987 schon wurde unter der Federführung von Prof. E-rich Ch. Wittmann an der Universität Dortmund das Modell "mathe 2000" entwickelt. Im Zentrum steht das Bemühen des Lehrers um die Vermittlung zwischen Stoff und Schülern und nicht in der Vermittlung des Stoffes an die Schüler. Es gilt, die Schüler für den Stoff und den Stoff für die Schüler aufzuschließen.

Schule öffentlich machen
Im neuen Lehrplan endet die Erziehungsarbeit nicht mit der Unterrichtszeit. Vorgesehen ist eine engere Zusammenarbeit mit dem Elternhaus sowie vorschulischen und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen. Eltern können beispielsweise mit der Schule gezielt über die Freizeitgestaltung Ihrer Kinder nachdenken, z.B. im Rahmen von Elternabenden mit dem Schwerpunktthema Freizeit. Erwähnt werden auch die Bereiche Gesundheits-, Verkehrs- und Medienerziehung.
Der bayerische Lehrplan setzt darüber hinaus auf die Entwicklung eines Schulprofils. Schulen sollen öffentliche Schnittstelle und Teil der örtlichen Kultur werden. Um Erziehung wieder zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu machen.

Vortrag "Den Kindern mehr zutrauen, sich selbst mehr zutrauen: Neue Wege im Mathematikunterricht der Grundschule
Prof. Dr. Dr. h.c. Erich Wittmann

Prof. Dr. Christoph Selter
Dienstag, 1. April, 16 bis 18 Uhr, Bildungsmesse Nürnberg, Raum München 2

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